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ZUR KRITIK DER FASCHISTISCHEN IDEOLOGIE [Para la crítica de la ideología fascista] György Lukács

Incluso antes de la guerra y durante la guerra, la línea básica de mis ensayos era que el fascismo no era en modo alguno una enfermedad históricamente aislada, ni un resurgimiento repentino de la barbarie en la civilización europea. El fascismo, como visión del mundo, es más bien una culminación cualitativa de teorías aristocráticas socio-morales epistemológicamente irracionalistas que han jugado un papel principal en la ciencia oficial y no oficial, en el periodismo científico y pseudocientífico durante muchas décadas. Debido a que hay una conexión orgánica aquí, los partidarios espirituales del fascismo pueden retirarse fácilmente; pueden entregar a Hitler y Rosenberg y… atrincherarse en la filosofía de Spengler o Nietzsche… Así también desde un punto de vista ideológico, la aniquilación de la ideología fascista no es una cuestión sencilla. El hecho de que los escritos de Mussolini, Hitler y Rosenberg hayan sido retirados de la circulación todavía no ha conducido a nada. Lo que debe ser destruido son las raíces espirituales y morales del fascismo. “

Georg Lukacs, Cosmovisión aristocrática y democrática (1946)

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Vorwort

Dieses Buch ist eine Kampfschrift. Eine Kampfschrift gegen die Ideologie des Faschismus. Es hat also von vornherein nicht die Absicht, eine systematische und vollständige Übersicht über die deutsche Philosophie der imperialistischen Periode zu geben. Es wurden vielmehr nur jene Autoren angeführt, nur jene Werke zitiert, die diese ihre grundlegende Tendenz – was die Entwicklung der bürgerlichen Ideologie in ihr betrifft -, die Entwicklung zur faschistischen Ideologie in ihren wichtigsten Etappen am deutlichsten zeigen. Wenn sich also Autoren beleidigt fühlen, entweder weil sie in diesen Zusammenhängen erscheinen oder weil sie nicht berücksichtigt wurden, wenn sie deshalb wegen „Willkür» in der Auswahl klagen, so sei ihnen gesagt: Der Verfasser dieses Buches weiß genau, daß viel mehr deutsche Autoren, als er imstande war zu zitieren, in diese Entwicklungsreihe gehören. Aber – um an einem Beispiel die Methode der Auswahl konkret zu illustrieren – es ist interessant und erwähnenswert, daß die Neo-machisten, die Marx für nicht genügend „wissenschaftlich» halten, in ihrer Ablehnung der „wahren Wirklichkeit» auf Nietzsche zurückgreifen. Dagegen ist es absolut selbstverständlich, daß Hugo Fischer Hegel und Nietzsche in eine Entwicklungsreihe bringen muß; es ist also überflüssig, [über] solche Selbstverständlichkeiten auch nur ein Wort zu verlieren. Oder es ist klar, daß etwa Klages eine Etappe zwischen Spengler und Baeumler bedeutet. Es schien uns aber überflüssig, die große Linie der Entwicklung durch Einfügen allzu vieler Zwischenglieder unübersichtlich zu machen. Und so fort in noch Hunderten von Beispielen.

Wichtiger scheint der Einwand, daß das Aufzeigen des geschichtlichen Entwicklungsganges, der ideologisch zur faschistischen Weltanschauung führt, das Aufzeigen der Einheitlichkeit und Notwendigkeit dieser Entwicklung den Kampf gegen den Nationalsozialismus abschwächen könnte. Ist es doch – sagen manche – unsere Hauptaufgabe, gegen das Hitlerregime, gegen seine Ideologie einen unnachsichtigen Kampf zu führen. Zeigt man – wie es dieses Buch auf dem Gebiet der Philosophie zu zeigen versucht daß der gegenwärtige Nationalsozialismus in Deutschland die notwendige Frucht der Entwicklung der deutschen Bourgeoisie im Imperialismus gewesen ist, so mindert man die „Verantwortung» der deutschen Machthaber, so stumpft man die Waffe, die gegen sie geschwungen werden muß, ab, indem man die ganze letzte Vergangenheit des bürgerlichen Deutschlands zum Mitschuldigen an der Aufrichtung der faschistischen Herrschaft macht. Man muß – sagen dieselben – die in Deutschland herrschenden Lumpen in ihrer ganzen Niederträchtigkeit entlarven, man muß zeigen, daß sie ein Pack von Lumpenproletariat und Lumpenbourgeoisie sind, ein Häufchen von Abenteurern – eine Neuauflage der Dezembermänner weiland Napoleon[s] III. -, die ganz Deutschland, die Bourgeoisie mit inbegriffen, ihrer sadistischen Tyrannei unterworfen haben.

Diese und ähnliche Gedankengänge, denen der Verfasser, wie so viele andere, in Wort und Schrift ununterbrochen begegnet ist, klingen außerordentlich radikal, sind aber in Wirklichkeit nichts weiter als das Aufgeben eines jeden wirklichen Kampfes. Jeder, der die politischen Kämpfe der letzten Jahre in Deutschland verfolgt hat, ist ja Schritt auf Tritt auf Varianten dieser Auffassung gestoßen. Man sagte: Brüning müsse unterstützt, Hindenburg müsse zum Präsidenten gemacht werden usw., damit Hitler nicht komme. Das praktische Resultat einer solchen „Realpolitik» kann heute jeder übersehen; es kommt heute darauf an, die politischen Konsequenzen zu ziehen. Das heißt, es kommt darauf an, klar zu sehen, was Hitler ist, auf wen er sich stützen kann, wer seine wirklichen Feinde und wer seine bloß scheinbaren „Gegner» sind, wessen Kampf gegen ihn sein System stürzen will und kann und wessen Opposition eine bloße Spiegelfechterei ist.

Man denke nur an den 20. Juli 1932. Die Absetzung der preußischen Regierung hing schon seit Wochen in der Luft. Aus „linken» sozialdemokratischen und Zentrumkreisen wurden Gerüchte über entschlossenen Widerstand verbreitet; die Umgebung Hirtsiefers behauptete sogar, man würde in einem solchen Fall den Sitz der preußischen Regierung nach Essen verlegen und sie unter den Schutz der Arbeiter des Ruhrgebietes stellen. Wäre ein solcher Widerstand aussichtsreich gewesen? Selbstverständlich. Man erinnere sich bloß an die Wirkung des Generalstreiks als Antwort auf den Kapp-Putsch. Selbstverständlich wäre diesmal der Widerstand größer gewesen, der Generalstreik allein hätte nicht genügt; es hätte zum Bürgerkrieg kommen müssen, aber zu einem Bürgerkrieg, wo alle Aussicht für eine Niederlage Papen – Hitlers vorhanden war.

Die Erinnerung an den Kapp-Putsch und an den Generalstreik, der ihn erstickt hat, ist hier nicht mehr bloß eine historische Analogie. Sie ist gerade ein entscheidendes Motiv gewesen, warum es nicht zu einem Widerstand, zu einem Appell an die Arbeiter bei der Absetzung der Preußenregierung kam. Denn schon der Generalstreik gegen Kapp schlug – freilich bloß lokal, in Sachsen, im Ruhrgebiet – in Arbeiteraufstände um, deren Zielsetzung weit über die Herstellung des Status quo nach Erledigung Kapps hinausging und hinausgehen mußte. Der SPD und – vor allem – der USPD gelang es damals noch, diese Aufstände von der Mehrheit der Arbeiterklasse zu isolieren und damit ihr blutiges Niederschlagen – unter sozialdemokratischer Führung – zu ermöglichen. Wo war aber im Sommer 1932 die Garantie dafür, daß ein Widerstand gegen die Absetzung der Braun-Severing-Hirtsiefer-Regierung bei dem Status quo stehenbleiben würde, stehenbleiben könnte? Es sollen hier nur, als ganz äußerliche Symptome, die beiden Wahlzahlen von 1920 (nach dem Kapp-Putsch) und von November 1932 gegenübergestellt werden; die KPD erhielt 1920 eine halbe Million, 1932 fast sechs Millionen Stimmen. Und die SPD-Führung mußte ganz genau wissen, daß sie ihre eigenen Massen 1932 viel weniger in der Hand hielt, als es 1920 mit Hilfe der USPD der Fall war. Dazu haben die Klassenkämpfe der dazwischenliegenden zwölf Jahre eine zu große, wenn auch noch nicht allgemein bewußt gewordene Einwirkung auch auf die sozialdemokratischen Arbeiter ausgeübt. Und da die Massen inmitten einer revolutionären Aktion rasch lernen, in Tagen und Wochen oft die Entwicklung von Jahren durchmachen, standen im Sommer 1932 die Chancen eines revolutionär geretteten Status quo ganz anders, viel schlimmer als im Frühjahr 1920.

Um so mehr, als der Status quo selbst 1932 ganz anders beschaffen war und deshalb auch vor den Massen ganz anders dastand als 1920. Damals waren die Illusionen breitester Arbeitermassen bezüglich der Weimarer Republik und ihrer Demokratie noch sehr stark. Breite Massen sahen in Republik und Demokratie den notwendigen „organischen», nicht „gewalttätigen» Übergang zum Sozialismus. Vielleicht noch breitere sahen in ihnen etwas an und für sich Wertvolles: jene Staats- und Gesellschaftsordnung, in der man noch für eine lange Periode zu leben hat. Was war aber der Status quo von 1932? Ein Verweisen Papens in die Schranken der „Gesetzlichkeit» und der „Demokratie»? Oder eine Rückkehr des Brüning-Regimes? Ist es denkbar gewesen, Massen zu einer revolutionären Handlung aufzurufen – und der Generalstreik im Juli 1932 wäre eine revolutionäre Handlung gewesen -, um an die Stelle eines Zwei-Drittel-Faschismus den Status quo eines Drei-Fünftel-Faschismus wiederherzustellen? (Die Zahlen sollen hier nur zur Charakteristik der taktischen Lage dienen, als Charakteristik Papens oder Brünings sind sie selbstredend ganz willkürlich.)

Diese Analogie eines nicht stattgefundenen, ja eines gewaltsam (von der Sozialdemokratie gegenüber den Streikaufrufen der KPD) abgewürgten Widerstandes scheint manchem Leser vielleicht müßig und nicht zu unserem Thema gehörig. Sie ist aber weder müßig, noch lenkt sie vom Gegenstand ab. Im Gegenteil. Gerade sie führt mitten ins Herz der hier zu behandelnden Weltanschauungsfragen hinein. Denn sie zeigt nicht bloß, wo allein wirkliche und aktive Kräfte gegen den Faschismus mobilisierbar sind, sondern sie zeigt auch, daß jeder, der nicht an diese Kräfte appelliert, sich nicht auf diese Kräfte stützt – mag er es wissen oder nicht, wollen oder nicht: gleichviel! mit halbem Fuß schon mitten im Faschismus steht, eine – faschistisch angesehen: bereits rückständig gewordene – Nuance des Faschismus gegen die weiterentwickelte ausspielt. Statt also den Faschismus zu bekämpfen, kann ein jeder, der einen solchen Standpunkt einnimmt, nur darauf aus sein: den „unvermeidlichen» Prozeß der Faschisierung zu verlangsamen, ihm „zivilisiertere» Formen zu geben. Der berüchtigten Theorie vom „kleineren Übel» liegt diese fatalistische Ansicht von der Unvermeidlichkeit des Faschismus zugrunde: Brüning ist das kleine Übel gegenüber Papen, Schleicher gegenüber Hitler, morgen vielleicht: Hitler gegenüber „nationalsozialistischen Extremisten» usw. bis ins Unendliche.

Und der Faschismus ist tatsächlich unvermeidlich, solange jene Kräfte nicht entfesselt sind, die einzig und allein imstande sind, ihm den Garaus zu machen: die Kräfte des revolutionär geeinigten Proletariats, das für die Sache der Befreiung aller Werktätigen von Unterdrückung und Ausbeutung kämpft. Das Proletariat bekämpft jedoch den Faschismus als die heutige Herrschaftsform des Kapitalismus, des heutigen imperialistischen Monopolkapitalismus. Und es kann ihn nicht wirksam bekämpfen, wenn es seinen Kampf auf die bloße Form einengt; es muß mit der Form den Inhalt, mit der faschistischen Form die kapitalistische Ausbeutung zugleich treffen und stürzen.

Jene weitverbreitete Anschauung, die wir hier bekämpfen, deren letzte Wellen bis in [das] Lager des Kommunismus hinüberschlugen und noch immer hinüberschlagen, trennt dagegen den Faschismus von seiner geschichtlichen, von seiner ökonomisch-gesellschaftlichen Grundlage ab. Diese Abtrennung nimmt – je nachdem, wer sie vollzieht – entweder einen außerordentlich „radikalen» oder einen außerordentlich „realpolitischen» Charakter an. Da aber die Abtrennung nur in Gedanken, nicht in der Wirklichkeit stattfindet, gespenstert die nicht erkannte, gedanklich nicht erfaßte Notwendigkeit als Fatalismus in den Köpfen herum und mischt sich sonderbar eklektisch mit den ach so „radikalen» oder wunder wie „realpolitischen» Projektemachereien erst zur Vermeidung, dann zur Beseitigung der faschistischen Diktatur. Wer denkt nicht, wenn er die Debatten der französischen Sozialdemokraten, die aus Angst vor dem deutschen Hitler selbst zu französischen Hitlerchen werden wollten, an die großmäulig-„realpolitische» Rede von Wels in Magdeburg: „Wenn schon Diktatur, so üben wir sie aus!»?

Wels hatte insofern recht, als der ökonomisch-gesellschaftliche Inhalt einer Diktatur, die er ausgeübt hätte, seinem Wesen nach derselbe gewesen wäre wie der Hitlers. Er ist aber mit seiner „Realpolitik» ebenso ein hohler Projektemacher gewesen, wie es jene französischen Sozialdemokraten sind, die sich einbilden, man könne den Faschismus dadurch vermeiden, daß man ihn selbst einführt. Diese schrittweise Verwirklichung des Faschismus, die in Deutschland eine solche Situation geschaffen hat, daß die „nationalsozialistische Revolution» ein reiches Erbe antreten konnte und aus dem langjährigen Faschisierungsprozeß des ganzen öffentlichen Lebens nur die Konsequenzen ziehen mußte, zeigt am deutlichsten, was es praktisch bedeutet, wenn theoretisch der Faschismus von der allgemeinen Entwicklung der Bourgeoisie im Nachkriegsimperialismus abgetrennt wird.

Freilich: diese theoretische Abtrennung ist für die Bourgeoisie selbst keineswegs das Primäre, keineswegs eine theoretische Frage. Sie (ent) stammt im Gegenteil gerade aus der Gemeinsamkeit, aus der gemeinsamen Entwicklung ihrer allgemeinen Klassenlage, ihrer allgemeinen Klasseninteressen. Diese allgemeinen Klasseninteressen kommen innerhalb der Bourgeoisie widerspruchsvoll und ungleichmäßig zur Geltung. Die Differenz, ja die Gegensätzlichkeit der Interessen innerhalb der einzelnen Schichten (und dementsprechend politisch: der einzelnen Fraktionen) der Bourgeoisie drückt sich nicht bloß in der Forderung von verschiedenen Maßen, verschiedenen Tempi etc. der Durchführung des Faschismus aus, sondern auch in verschiedenen Forderungen bezüglich seines ökonomisch-sozialen Inhalts. So, um nur ein Beispiel anzuführen, kann die verarbeitende Industrie sich unmöglich mit dem radikalen und hundertprozentigen Faschismus so einverstanden erklären wie die Schwerindustrie oder das agrarische Großkapital. Einfach darum nicht, weil die durchgeführte faschistische Diktatur nicht nur ein Terrorregime über allen Werktätigen bedeutet (dagegen hätte sie nichts Wesentliches einzuwenden), sondern gleichzeitig und untrennbar eine noch nie dagewesene Diktatur der Schwerindustrie innerhalb der Fraktionsgegensätze im Kapitalismus selbst. (Ähnliche Differenzen tauchen in den Zollfragen, in der Inflationsfrage etc. zwischen den einzelnen Schichten der Bourgeoisie auf.) Es fragt sich dabei aber stets: Was ist das übergreifende Moment? Das heißt, wo liegt das Schwergewicht der allgemeinen Klasseninteressen der Gesamt-bourgeoisie?

Die bloße Stellung dieser Frage zeigt deutlich, daß, sobald es sich um Sein oder Nichtsein des kapitalistischen Systems handelt, diese inneren Gegensätze, diese Fraktionsstreitigkeiten zurücktreten müssen. Nicht immer freiwillig; oft, fast immer, zähneknirschend, aufbegehrend, intrigierend, ja sogar oppositionell etc. Aber sie müssen doch zurücktreten. Die Zeiten sind längst vorbei, wo – wie in Frankreich 1830 oder noch 1848 – die Monopolherrschaft einer Fraktion der Bourgeoisie auf revolutionärem Wege gestürzt werden konnte. Die Junischlacht des Pariser Proletariats bezeichnet klar die Grenzscheide: Solange die Rebellionen der ausgebeuteten Klasse bloß lokale, spontane Aufstände mit beschränkten Zielen gewesen sind – wie noch der Lyoner Aufstand 1839 -, war diese Möglichkeit vorhanden, denn der Weg, die unzufriedenen Massen als Kanonenfutter auf die Barrikaden zu schicken, stand noch offen. Die Junischlacht hat das Proletariat – trotz der blutigen Niederlage – schon so weit herangereift, als Klasse mit gesamt-gesellschaftlichen revolutionären Zielen, mit heroischer Energie, sie revolutionär zu verwirklichen, nicht mehr als bloße „Klasse an sich», sondern bereits als „Klasse für sich» gezeigt, daß das Spiel mit dem Feuer der bürgerlichen Revolution für immer ausgelöscht schien.

Erst das Hinüberwachsen der Sozialdemokratie in eine bürgerliche Partei mit proletarischer Anhängerschaft hat in den ersten Stürmen der jetzigen Revolutionsperiode ähnliche Experimente wieder möglich gemacht. Aber die Grenze steckt genau dort, wo sie für die alten bürgerlichen Parteien seinerzeit durch die Junischlacht gezogen wurde: in der Zuverlässigkeit der Sozialdemokratie, den Arbeitermassen beim Erreichen des gesamtbürgerlichen Klassenzieles ein „Bis hierher und nicht weiter» kommandieren und dieses Kommando auch in der Praxis durchsetzen zu können. Diese Zuverlässigkeit hat die Sozialdemokratie mit der letzten akuten Krise innerhalb der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems verloren. Es liegt nicht an ihrem guten Willen. Wiederholt haben ihre Führer erklärt, daß sie den Faschismus dem Bolschewismus gegenüber für das „kleine Übel» halten. Wiederholt hatten sie ihre subjektive Zuverlässigkeit, mit der Bourgeoisie bis ans bittere Ende zu gehen, mit ihr auch auf den verlorenen oder verloren scheinenden Barrikaden zu kämpfen (Rußland, Ungarn), mit ihr Exil und konspirative Arbeit gegen die Herrschaft des Proletariats zu teilen, erwiesen. Jedoch die subjektive Zuverlässigkeit, die ehernste „Nibelungentreue» reicht hier nicht aus. Sie kann keine Garantie für eine Bourgeoisfraktion gegen die andere bieten, wenn sie nicht zugleich mit der objektiven Garantie des ideologischen und organisatorischen Beherrschens der Majorität der Arbeiterklasse verbunden ist. Mit einem Beherrschen, wo diese Majorität auch das Niederkartätschen der revolutionären Minderheit mitmacht oder wenigstens stillschweigend duldet. Ebert, Noske und Severing konnten 1918-1928 diese Garantie bieten. Wels, Braun und Hilferding 1932 nicht mehr.

Niemand bestreitet also, daß breite Schichten der Bourgeoisie mit der nationalsozialistischen Diktatur unzufrieden sind. Auch das nicht, daß vor der Machtergreifung Hitlers vielleicht noch breite Schichten andere Wege gesucht haben. Es fragt sich jedoch: andere Wege wohin? Und es fragt sich: andere Wege um welchen Preis? Die beiden Fragen sind eng miteinander verbunden. Denn wie widerspruchsvoll und ungleichmäßig immer sich die allgemeinen Klasseninteressen der Bourgeoisie auch durchsetzen müssen, sie müssen sich doch immer durchsetzen. Und die konkrete Fragestellung dieser allgemeinen Klasseninteressen der Bourgeoisie lautet mit dem Anwachsen der Krise, mit dem In-Bewegung-Gera- ten nicht nur der proletarischen, sondern auch der kleinbürgerlichen Massen, mit dem ständigen Zunehmen der antikapitalistischen Stimmungen in diesen Massen immer deutlicher: Sein oder Nichtsein des kapitalistischen Systems. Selbstverständlich müssen vor diesem Gesichtspunkt die besonderen Schichten- und Fraktionsinteressen zurücktreten. Nicht immer freiwillig. Aber das allgemeine Klasseninteresse der Bourgeoisie setzt sich auch in den oppositionell gestimmten Schichten durch, indem diese sich, wenn auch nicht mit Begeisterung, ja mitunter sogar mit Wut und Erbitterung, doch unterwerfen. Sie lassen es jedenfalls unter keinen Umständen auf das Äußerste, auf ein Hart-auf-Hart-Gehen ankommen. Jedenfalls wissen sie, daß sie es nicht darauf ankommen lassen dürfen. Drohungen mögen fallen und fallen auch, aber bloß um die andere Fraktion von gewissen Schritten abzuschrecken, zurückzuhalten. Wird jedoch der Schritt getan, so muß sich die schwächere Fraktion fügen. Das heißt, ihre Opposition bleibt eine legale, eine Opposition innerhalb des – faschistischen – Systems, also letzten Endes: eine Scheinopposition. Es unterliegt ebensowenig einem Zweifel, daß die süddeutschen Staaten mit der „Gleichschaltung» unzufrieden waren, wie, daß zwischen Stahlhelm und SA-SS sowie zwischen Teilen der Reichswehr, der Polizei etc. und dem nationalsozialistischen Machtapparat Reibungen, Differenzen, ja sogar Gegensätze vorhanden waren. Trotzdem waren es hohle Projektemacher und keine ernsthaften Politiker, die von der Verschärfung dieser Differenzen und Gegensätze den Sturz, ja auch nur die Erschütterung des nationalsozialistischen Regimes erwartet haben. Je mehr sich diese Gegensätze zuspitzten, desto sicherer war es, daß ihre Spitze im entscheidenden Moment abbrechen mußte. Mußte, denn ein Kampf, ein wirklicher Kampf zwischen Stahlhelm und SA wäre nur mit einem Appell an die Arbeiterklasse möglich und aussichtsreich gewesen. Und gerade deshalb war es für die Führer des Stahlhelms von vornherein unmöglich, es auf eine solche Kraftprobe ankommen zu lassen.

Freilich lassen sich die Differenzen über „Methode», über Taktik nicht von den Differenzen ihres gesellschaftlich-ökonomischen Inhalts trennen. Wir haben aber bereits gezeigt, daß die inhaltlichen Differenzen – und seien sie im Einzelfalle noch so groß – vor der Frage des Seins oder Nichtseins des kapitalistischen Systems unbedingt zurückgestellt werden müssen und, wie die Tatsachen zeigen, auch immer zurückgestellt werden. Erst recht die Differenzen über „Methoden», über Taktik. Allerdings sind die taktischen Differenzen in dieser Periode mit den zentralen Lebensfragen der Existenz der Gesamtbourgeoisie auf[s] tiefste verknüpft. Aber sie bleiben trotzdem bloß taktische Fragen; sie bleiben trotzdem innerhalb desselben Klassenrahmens. Denn taktisch handelt es sich darum, welche Macht man den wachsenden antikapitalistischen Massenstimmungen nicht nur der Arbeiter, sondern auch der städtischen Kleinbürger und Bauern entgegensetzen kann. Die „Eigenart» der nationalsozialistischen Bewegung besteht darin, daß sie mit Hilfe der Ausnützung, der Aufpeitschung dieser Massenstimmung die wankende Herrschaft des Monopolkapitalismus wieder zu befestigen versucht. Während ihre „Gegner» mit einer eklektischen Mischung von ideologischer Beeinflussung und staatlichen Gewaltmitteln diese antikapitalistische Massenstimmung einzudämmen, zurückzuhalten, in ihre Schranken zurückzuweisen versuchten. Selbstredend ist dies eine wichtige taktische Differenz. Selbstredend ist sie aber zugleich eine taktische Differenz innerhalb desselben allgemeinen Klassenziels: der Rettung des kapitalistischen Systems.

Diese „Einheit der Einheit und des Widerspruchs», wie es der alte Hegel zu sagen pflegte, wobei verständlicherweise die Einheit das übergreifende Moment sein muß, bestimmte die Art der Differenz und die Art ihrer Austragung vor der Machtergreifung Hitlers und bestimmt sie auch heute in der nationalsozialistischen Diktatur. Damals mußte zu der „unwiderstehlichen Massenbewegung» des Nationalsozialismus Stellung genommen werden. Und es wurde auch von den „Gegnern» Stellung genommen. Mit Angst und mit Respekt. Mit Angst nicht nur wegen der eigenen (persönlichen und fraktionsmäßigen) „Sicherheit» im Falle des nationalsozialistischen Sieges, nicht nur wegen der damit aufs engste zusammenhängenden Verteidigung der „Demokratie», sondern vor allem mit Angst – mit berechtigter Angst – vor dem gewagten Experiment: den Teufel (den wachsenden Haß der werktätigen Massen gegen den Kapitalismus) durch Beelzebub (durch aufpeitschendes Irreführen dieses Hasses) zu vertreiben. Mit berechtigter Angst davor, die einmal mobilisierten und noch dazu – wenn auch noch so demagogisch-lügnerisch, so doch – antikapitalistisch mobilisierten Massen wieder in eine folgsame Herde des Monopolkapitalismus, wieder zum Erdulden der verschärften Ausbeutung und Unterdrückung durch denselben Monopolkapitalismus, den sie zu stürzen auszogen, zurückzuführen. Aber diese Angst vor dem „Experiment», vor dem Einsetzen der letzten Reserve (eines monopolkapitalistisch dirigierten wachsenden Masseneinflusses) paarte sich stets mit scheuem Respekt vor der „unwiderstehlichen Massenbewegung». Die „Gegner» des Faschismus mußten sehen, daß alle ihre Maßnahmen, den Faschismus schrittweise, im Rahmen der „Demokratie» einzuführen, in den Massen ihrer eigenen Anhänger nur Erbitterung und Haß hervorriefen; daß das Anwachsen der antikapitalistischen Massenstimmung bei der ständigen Verschärfung der Krise wirklich unwiderstehlich werde und von Tag zu Tag schärfer die Gefahr enthüllte, daß die Massen wirklich antikapitalistisch, bewußt antikapitalistisch, Anhänger des Kommunismus werden. Sie mußten also, nachdem alle Versuche, „die unwiderstehliche Massenbewegung» in irgendeiner Form unter die Führung der alten bourgeoisen Parteien zu bringen, gescheitert sind und scheitern mußten, da die nationalsozialistische Methode der Irreführung der Massen ihre Alleinherrschaft als Erscheinungsform, als Vorspiegelung einer radikalen Umwälzung des ganzen Systems gebieterisch erforderte, ihre „Bedenken» zurückstellen und sich vor der nationalsozialistischen Diktatur beugen. Sie haben dabei ihre Pflichten den gemeinsamen Klasseninteressen der Bourgeoisie gegenüber redlich und loyal erfüllt. Sie haben jene Massen, die den Faschismus wirklich bekämpfen wollten, mit Aufbietung aller Energien vor der Bekämpfung des Hitlerregimes, als dieses sich noch nicht im Staatsapparat festgesetzt hat[te], zurückgehalten und dem Nationalsozialismus damit die nötige Atempause zur organisatorischen Festigung seiner Herrschaft gegeben.

Die Sozialdemokratie hat sich auch hier als die denkbar loyalste Opposition des Nationalsozialismus erwiesen. Sie hat auch hier gezeigt, daß sie sich auf Gedeih und Verderb mit der imperialistischen Bourgeoisie verbunden hat, daß sie Politik nur innerhalb des Rahmens des Kapitalismus, zur Erhaltung der kapitalistischen Herrschaft treibt. Diese Einordnung ins kapitalistische System hebt freilich ihre Sonderstellung darin nicht auf: Daß es ihr diesmal gelungen ist, ihre Arbeiteranhänger von einem wirklichen Kampf gegen die einsetzende Herrschaft des Nationalsozialismus zurückzuhalten, ist für die organisatorische Befestigung des Hitlerregimes ausschlaggebend gewesen.

Hat sich nun diese Lage mit der Aufrichtung der nationalsozialistischen Diktatur geändert? Ja und nein. Wenn wir aber die grundlegenden ökonomisch-sozialen Merkmale des Hitlerregimes betrachten, so ist es klar, daß wir die Frage verneinen müssen. Der Kampf der Schichten und Fraktionen der Bourgeoisie dauert an. Er ist vielleicht noch heftiger, als er vor der Machtergreifung war. Es haben sich nur die Formen dieser Kämpfe stark geändert. Aber der, der glaubt, daß mit der organisatorischen Auflösung aller Parteien, mit der Monopolstellung der nationalsozialistischen Ideologie etwas anderes als die Form der Differenzen innerhalb der Bourgeoisie eine Veränderung erfahren hat, verfällt einer Illusion. Ebenso wie der, der glaubt, daß die Monopolherrschaft der NSDAP eine wirkliche Konzentration aller Kräfte der Bourgeoisie, eine wirkliche und dauerhafte Stärkung der Macht der Bourgeoisie bedeutet. Nein. Die Kämpfe von vor der Machtergreifung gehen mit zumindest unverminderter Heftigkeit weiter vor sich. Aber – und dies ist das Wichtigste – sie gehen auch jetzt innerhalb desselben Systems vor sich. Das heißt, die verschiedenen „Gegner» und „Opponenten» der nationalsozialistischen Herrschaft möchten zwar ihre Form und ihren Inhalt je nach ihren besonderen Interessen ummodeln, es steht ihnen aber heute noch ferner als vor der Machtergreifung, einen Kampf zuzulassen oder gar zu fördern, der den Bestand des Systems in Frage stellen könnte. Um so weniger, als die notwendige Wandlung des herrschenden Nationalsozialismus, sein Übergehen „von Revolution auf Evolution» einen Teil der alten Differenzen aus der Welt schafft. Wenn die nationalsozialistische Regierung unter ihren eigenen Anhängern, die die soziale Demagogie der nationalsozialistischen Agitation ernst genommen haben, mit Auflösung der Organisationen, mit Einkerkerungen, Internierungen und Salven „Ordnung» schafft, wenn sie der NSBO1 jede Einmischung in Betriebsangelegenheiten verbietet usw., so kann sie dabei auf den uneingeschränkten Beifall aller „Oppositionen» von Löbe bis Hugenberg rechnen. Und, wenn Hitler in seinen außenpolitischen Reden die ganze nationale Demagogie der Agitationsperiode des Nationalsozialismus in die Rumpelkammer veralteter Schlagworte wirft (freilich dabei fieberhaft an der Aufrüstung Deutschlands arbeiten läßt), so müssen ihn dabei alle alten „Gegner» von der Weimarer Demokratie her, deren Außenpolitik er fortsetzt, nur beglückwünschen; und sie tun es auch.

So verschieden also die Bedingungen der „Gegnerschaft» geworden, so sehr auch Inhalt und Form der „Opposition» gewandelt [sind]: das grundlegende Prinzip, der Wesenskern ist der gleiche geblieben. Nur daß jetzt die verschiedenen „Oppositionen» die Funktion erhalten: gerade als „Oppositionen» zu Auffangorganisationen für die vom Nationalsozialismus enttäuschten Massen zu werden. Sie nehmen die historische Aufgabe auf sich, das Übergehen dieser Massen von der nationalsozialistischen Scheinrevolution zu der wirklichen Revolution, zur proletarischen Revolution gegen den Kapitalismus, gegen seine gegenwärtige Herrschaftsform, den „totalen Staat» des Nationalsozialismus zu verhindern. Sie waren früher Wegbereiter für die volle Herrschaft des Faschismus. Sie sind heute – gerade als „Oppositionen» – organische Bestandteile des faschistischen Systems.

Und dies desto stärker, je rascher der wirkliche grundlegende Widerspruch des nationalsozialistischen Regimes wächst. Nämlich der Gegensatz zwischen monopolkapitalistischen Ausbeutern, deren Diktatur in den Betrieben, in der Preisgestaltung etc., mit einem Wort auf allen Gebieten, die das Lebensniveau der werktätigen Massen berühren, ständig zunimmt, und den Ausgebeuteten, in deren Köpfe der ökonomisch-soziale Inhalt des „dritten Reichs» hineingeprügelt wird. Hier allein droht dem deutschen Faschismus eine wirkliche Gefahr. Wenn er in wenigen Monaten eine Entwicklung zurückgelegt hat – sowohl in dem Liquidieren der konkurrierenden Organisationen wie in dem Ablegen der pseudorevolutionären Maske -, so ist dies keineswegs, wie seine Reklamechefs verkünden, ein Zeichen seiner Stärke. Vielmehr im Gegenteil. Es ist ein Ausdruck des außerordentlich schwankenden Bodens, der sich außerordentlich rasch verengenden sozialen Basis im hochentwickelten Industrieland Deutschland, mit seinem quantitativ riesigen und qualitativ hochstehenden Proletariat, inmitten einer Krise, die sich, wenn auch stoßweise, bis jetzt ständig vertieft und verschärft. Auf diesem Boden mußte die soziale und nationale Demagogie rasch abgebaut werden. Das „dritte Reich» muß sich rasch als streng gehütetes Zuchthaus für alle Werktätigen zeigen.

Je mehr nun dieser grundlegende Widerspruch des herrschenden Faschismus in einer für die breitesten Massen offenkundigen Weise sich in den Vordergrund drängt, desto stärker muß der scheinoppositionelle Charakter aller bürgerlichen „Gegner» des Nationalsozialismus hervortreten. Denn dadurch werden sie gezwungen, offen dazu Stellung zu nehmen, ob sie den Nationalsozialismus stürzen oder bloß reformieren wollen. Und ihre Entscheidung kann für keinen Augenblick zweifelhaft sein. Trotz aller – sich voraussichtlich stets verschärfenden – sowohl inhaltlichen wie taktischen Differenzen kann unmöglich irgendein bürgerlicher „Gegner» des Nationalsozialismus, die Sozialdemokratie stets mit inbegriffen, in der proletarischen Revolution, im Sturz des Kapitalismus ein Heilmittel gegen die nationalsozialistische Herrschaft erblicken. Ihre „Opposition» kann das nationalsozialistische Regime desorganisieren helfen, freilich bei gleichzeitigem Desorganisieren und Irreführen der sich gegen den Faschismus empörenden werktätigen Massen. Sie muß ihm aber zugleich und vor allem eine erhöhte Manövrierfähigkeit, eine Möglichkeit zu einem scheinbaren „Umbau», zu einer Täuschung der Massen durch „Reformen» verhelfen. Sie muß vor allem die sich empörenden Massen auf einen „legalen» Weg, auf einen Weg der Scheinopposition lenken und damit dem Nationalsozialismus eventuell Auswegmöglichkeiten aus seiner Krise geben.

Ich weiß: Mancher Leser wird diese Perspektive als „Verleumdung im voraus» bezeichnen. Ich bitte solche Leser, sich an die Ereignisse von 1932/33 zu erinnern. Sich dessen zu entsinnen, wie mit der Verschärfung der Krise des kapitalistischen Systems, die objektiv in der ökonomischen Lage, subjektiv in dem wachsenden Masseneinfluß der KPD zum Ausdruck kam, die „Bekämpfer» der faschistischen Gefahr immer offener selbst ihre frühere spiegelfechterische Maske abgelegt haben. Und ablegen mußten. Denn Politik läßt sich nicht mit Phrasen machen. Politik ist ein Rechnen, ein In-Aktion-Set-zen von Millionenmassen, von realen Machtfaktoren. Mögen die Schlagworte der Politiker wie immer lauten, in Wirklichkeit werden sie sich – soweit es sich wirklich um Politik und nicht um einflußlose sektiererische Literaten und Projektemacher handelt – notwendig auf bestimmte reale Machtfaktoren orientieren und zu stützen versuchen. Worauf können sich aber die bürgerlichen „Gegner» des Nationalsozialismus stützen? Was die werktätigen Massen wollen, wissen alle sehr genau, die sozialdemokratischen Führer am allergenauesten: Sie wollen – heute noch vielfach unklar – den Sturz des kapitalistischen Systems. Die Agitationserfolge des Nationalsozialismus beruhten ja gerade auf einem Schindludertreiben mit dieser Unklarheit. Und die tragische Komödie einer solchen Irreführung läßt sich nicht beliebig oft und nach Belieben in Szene setzen. Die Massen haben ja von dieser ihrer Enttäuschung einiges, sogar sehr viel gelernt. Eine reale Macht zur Rettung des kapitalistischen Systems kann also nur ein staatlicher oder „gesellschaftlicher» Apparat zur Unterdrückung der Massen sein. Rettung des kapitalistischen Systems ist also heute gleichbedeutend mit Rettung und Unterstützung einer faschistischen Herrschaftsform der Großbourgeoisie.

Freilich gibt es „Politiker» – insbesondere unter den Sozialfaschisten -, die die „Demokratie» der großen und der kleinen Entente gegen den deutschen Faschismus ausspielen. Es ist hier unmöglich, ausführlich auf den Charakter dieser „Demokratie» einzugehen. Es sei nur erneut an die Debatten in der französischen Sozialdemokratie, an die offene Stellungnahme einer beträchtlichen Minderheit für einen französischen Faschismus erinnert, an das starke Anwachsen der faschistischen Bewegung in der Tschechoslowakei, an den Charakter der jugoslawischen Militärdiktatur usw. (erinnert.) Solche „Politiker» wollen also die „Demokratie» wieder dadurch retten, daß sie noch unentwickelte Formen des Faschismus gegen seine entwickelteste Form ausspielen.

Freilich ist Frankreich, ist England, ist die kleine Entente unzweifelhaft ein realer Machtfaktor. Es ist aber, wenn es subjektiv ehrlich gemeint ist, dümmstes Politikantentum, zu meinen, daß ihre Gegensätze Hitlerdeutschland gegenüber etwas anderes sind als die alten imperialistischen Gegensätze der „Weimarer Demokratie» gegenüber. Mag auch die Machtergreifung Hitlers diese Gegensätze objektiv verschärfen, an ihrem Charakter kann sie nichts ändern. Deshalb kann es für Frankreich, für England, für die kleine Entente real vorteilhaft sein, die Bearbeitung der „eigenen» Massen von den „eigenen» imperialistischen Zielen dadurch abzulenken, daß man einen „Kampf der Demokratie gegen den Faschismus» mimt (die französisch-englische Publizistik hat darin noch vom ersten imperialistischen Weltkrieg her eine große Erfahrung und Routine). Aber jene deutschen „Gegner» des Faschismus, die ihn unter dem Banner dieser „Demokratien» bekämpfen, haben nur eine Wahl: bewußte oder unbewußte, bezahlte oder ehrenamtliche Agenten eines konkurrierenden Imperialismus zu sein. Dabei leisten sie auch dem Hitlerfaschismus einen – manchmal vielleicht unfreiwilligen – Dienst, indem sie ihm die Maskierung des eigenen Verrats an der nationalen Befreiung Deutschlands, das Hinausschieben der Entlarvung seiner nationalen Demagogie durch Ablenkung der Erbitterung der Massen auf die „Vaterlandsverräter» – die allerdings wirklich Agenten der imperialistischen Feinde Deutschlands sind – erleichtern.

Der notwendig beschränkte Umfang eines Vorworts zwang uns, die Erfahrungen über den Faschismus und seine „Gegner» auf Deutschland zu beschränken. Aber jeder Kenner der Verhältnisse Italiens, Ungarns etc. wird in den hier angedeuteten deutschen Typen italienische oder ungarische Analogien wiedererkennen. Dazu kommt noch, daß die gegenwärtige Krise den Faschismus viel stärker und ausgesprochener in eine internationale Tendenz der bürgerlichen Politik verwandelt als das Niederschlagen der ersten revolutionären Erhebungen der Nachkriegszeit. Damals konnte die „relative Stabilisierung» außen- wie innenpolitisch eine Neuerweckung der demokratischen und pazifistischen Illusionen herbeiführen. Mussolini selbst war gezwungen, sich auf den Standpunkt zu stellen, daß „der Faschismus keine Exportware» sei. Heute hat sich auch diese Lage gründlich gewandelt. Der deutsche Nationalsozialismus ist zum ideologischen und organisatorischen Zentrum einer internationalen faschistischen Bewegung von Österreich bis Finnland geworden. Und viele Anzeichen sprechen dafür, daß, wenn die weitere Verschärfung der Krise nicht in einen raschen Aufschwung der proletarisch-revolutionären Bewegung umschlägt, sich auch in Frankreich und England die entschieden faschistischen Tendenzen verstärken werden.

Eine solche internationale Ausbreitung der faschistischen Tendenzen hebt selbstredend die „nationalen Eigentümlichkeiten» nicht auf. Auch der deutsche Faschismus unterscheidet sich vielfach von dem italienischen, und ein tschechischer Faschismus etwa müßte schon wegen der eigenartigen nationalen Struktur der Tschechoslowakei wieder andere Züge an sich tragen. Diese Unterschiede schließen jedoch die tiefgehenden Gemeinsamkeiten nicht aus. Im Gegenteil, sie unterstreichen sie gerade. Denn gerade in der Tatsache, daß durch alle Verschiedenheiten hindurch in der entscheidenden Frage – in der Frage des Verhältnisses von Bourgeoisie und Proletariat in der Periode der Krise des kapitalistischen Systems – die gemeinsamen Züge zum Vorschein kommen müssen, zeigt klar, daß es sich im Faschismus um die grundlegende Tendenz der Bourgeoisie in der „dritten Periode» der Nachkriegskrise handelt. Und während die Verschiedenheiten Art, Grad, Tempo etc. der Durchführung dieser gemeinsamen Politik des Monopolkapitalismus betreffen, treten die gemeinsamen Züge gerade in den entscheidenden Fragen am deutlichsten hervor. Und zwar sowohl beim Faschismus selbst wie bei den bürgerlichen Scheinoppositionen. Wie Hitler, wenn auch in schnellerem Tempo [als] Mussolini, das politische und ideologische Monopol des offiziellen Faschismus einführen, wie [er] die ursprüngliche „faschistische Revolution», d. h. die soziale Demagogie liquidieren mußte, so müssen die heutigen „Gegner» des Nationalsozialismus in Deutschland die wesentlichen Züge der italienischen etc. Scheinoppositionen aufnehmen; so wiederholen die „Gegner» des Faschismus in Ländern, wo er noch nicht vollständig gesiegt hat, die Grundzüge jener Politik, die in Deutschland zur „Verhütung» der faschistischen Diktatur angewendet wurden. Auch Otto Bauer kündet dem österreichischen Nationalsozialismus im Namen der „Demokratie» den „Kampf» an. Auch er führt ihn so, daß er jene sozialdemokratischen Arbeiter, die den Glauben an die „Demokratie» verloren haben, die der faschistischen Diktatur die Diktatur des Proletariats entgegenstellen wollen, als Verräter und Deserteure brandmarkt, die – nach dem Usus der alten Armee der Habsburger Monarchie – „unverzüglich niedergemacht» zu werden verdienen. Auch er führt den „Kampf» mit folgender – mit Respekt zu sagen – Strategie: „Wir müssen uns vor allem hüten, die Schwarzen und die Braunen, die Klerikofaschisten und Nationalfaschisten zusammenzutreiben … Um diese Gefahr zu verhüten, haben wir seit dem März größte, schmerzlichste Zurückhaltung und Selbstbeherrschung üben müssen. Diese Taktik hat uns sehr wichtige Positionen gekostet.» („Der Kampf», 1933, Julinummer, Leitartikel. – Sperrungen von uns.) Wir glauben: ein Kommentar erübrigt sich. Er würde nur die krasse, ins Auge springende Gemeinschaftlichkeit der Taktik des „rechten» Wels und des „linken» Otto Bauer abschwächen. Ebenso, wie die Gemeinsamkeit der Tendenzen der Winnig, Leipart und Konsorten in Deutschland und der Marquet und Beard in Frankreich auch keines Kommentars bedarf.

Das Dilemma Faschismus oder Bolschewismus ist also keine „Erfindung» der Kommunisten, es ist vielmehr die Signatur der Epoche, in der wir leben. Diesem Dilemma kann in der Wirklichkeit niemand entgehen. Er mag ideologisch, in seinem eigenen Kopfe das Dilemma wegzudisputieren versuchen. Daran kann ihn niemand hindern. Aber niemand kann es auch verhindern, daß er damit – selbst wenn er sich einbildet, ein unversöhnlicher Gegner des Faschismus zu sein, selbst wenn ihn persönlich die Faschisten als Gegner behandeln und entsprechend mißhandeln – zu einem Verbündeten, zu einem Helfershelfer des Faschismus wird. Denn die Tatsachen sind harte Sachen, die Dinge haben ihre Logik, und die ist folgerichtiger und unerbittlicher als die noch so fein ausgeklügelten Gedankengänge einzelner Menschen. Diese Logik der Dinge ändert sich dadurch nicht, daß sie überhaupt nicht oder erst spät erkannt wird. Der deutsche Nationalist Ernst Nie- kisch ist sich auch erst recht spät darüber klargeworden, daß die „Zeitfreiwilligen» der ersten Revolutionsjahre, die sich für überzeugte Nationalisten, für erbitterte Feinde der Entente hielten, mit dem Niederschlagen der Arbeiteraufstände in Deutschland objektiv die Geschäfte des Ententeimperialismus besorgten. Einige von den aufrichtigen bürgerlichen Gegnern des Faschismus haben diesen Zusammenhang bereits – wenn auch etwas verspätet – erkannt. Sie bekannten in der Zeit zwischen [dem] 30.Januar und 26. Februar offen ihren Fehler, daß sie den Faschismus allein, isoliert und nicht an der Seite, in der Kampffront des revolutionären Proletariats bekämpfen wollten; daß sie in vermeintlicher Unabhängigkeit von Klassen und Parteien sowohl nach „rechts» wie nach „links» Kritik ausübten, ohne zu sehen, daß jeder Angriff auf die revolutionäre Partei des Proletariats eine ungewollte Hilfeleistung für die faschistische Reaktion ist. (Ich bedaure, daß ich hier nicht Namen, Zeit und Ort anführen kann; aber ein Teil dieser aufrechten und achtenswerten bürgerlichen Antifaschisten befindet sich jetzt in den Krallen der Hitlerbanditen.)

Und diese Erkenntnis marschiert. Wenn auch freilich langsam, widerspruchsvoll, ungleichmäßig. Denn es gilt, außerordentlich tief, klassenmäßig tief verwurzelte Vorurteile zu überwinden, um sich zu dieser Erkenntnis durchzuringen; es gilt, sich der eigenen Klasse gegenüberzustellen. Je nachdem nämlich, ob der Nationalsozialismus der banditenhafte Übergriff einer kleinen Minderheit von Lumpen – Lumpenbourgeois und Lumpenproletarier – ist, die die Herrschaft über die ganze Gesellschaft, also auch über die Bourgeoisie usurpiert, oder ob man ihn als das notwendige Produkt der ökonomischen Entwicklung der imperialistischen Periode, als die notwendige Abwehrorganisation des Monopolkapitalismus der drohenden proletarischen Revolution gegenüber begreift, wird in allen Problemen, die mit der „nationalsozialistischen Revolution» zusammenhängen, verschieden, ja direkt entgegengesetzt Stellung genommen. In dem ersten Fall muß bloß dieser „Banditismus» ausgerottet und ein entsprechender Status quo der „normalen» bürgerlichen Gesellschaft wiederhergestellt werden, wobei wir nach den bisherigen Ausführungen es der Phantasie des Lesers überlassen müssen, [sich] auszumalen, was denn eigentlich der soziale Inhalt des so geretteten Status quo sein mag. Im zweiten Fall richtet sich der Kampf gegen den Faschismus als Herrschaftsform der monopolkapitalistischen Bourgeoisie. Die Befreiung der Werktätigen vom Joch des Faschismus ist zugleich ihre Befreiung von der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung.

Die „ultraradikalen» und die „realpolitischen» Auffassungen über den Charakter des Nationalsozialismus und des Kampfes gegen ihn, die beide gleicherweise den Faschismus von der allgemeinen ökonomischen und politischen Entwicklung der Bourgeoisie im Nachkriegsimperialismus lostrennen, münden also in dieselbe Sorte von Politikantentum und Projektema- cherei, von der – praktisch – einzig und allein Hitler einen wirklichen Nutzen haben kann.

Aber – wird vielleicht ein Leser fragen – wozu all dies im Vorwort eines Buches, dessen Gegenstand die faschistische Weltanschauung ist? Wir glauben, im Gegenteil: gerade hier ist die Zentralfrage der faschistischen Weltanschauung. Denn betrachtet man ^ie Verkünder dieser Weltanschauung isoliert – etwa das repräsentative Buch Rosenbergs „Der Mythus des 20.Jahrhunderts» -, so ist es für einen philosophisch nur einigermaßen geschulten Leser ein Kinderspiel, den dilettantischen Eklektizismus, die hohle und verworrene Großsprecherei des Verfassers nachzuweisen. Aber, was hat dieser Nachweis für einen Erkenntniswert? Was bedeutet er praktisch im Kampfe gegen die faschistische Vergiftung von Millionen Menschen, von erbitterten Arbeitslosen und wildgewordenen Kleinbürgern bis hinauf zu höchstqualifizierten Intellektuellen? Freilich ist es möglich, hierbei hochmütig mit der Achsel zu zucken und mit tiefer Verachtung auf solche irregeführten „Dummköpfe» und hypnotisierende Scharlatane herabzusehen. Aber dieses Achselzucken ist im Grunde ebenso passiv, bedeutet ebenso ein sektiererisches Sichabkapseln von dem, was real vorgeht, wie jenes defätistische Sichimponierenlassen von den Propagandaerfolgen der Nazi, jene feige „Selbstkritik», daß wir von ihrer Aufmachung, von ihrem Reklamewesen etc. zu „lernen» haben. Solche Bewunderung und solche Verachtung haben dieselbe Quelle: die Feigheit; die Angst, der Wahrheit ins Antlitz zu blicken, daß der Faschismus in Deutschland eine reale Macht geworden ist; die Angst, die wirklichen Ursachen dieser Macht zu erforschen – weil man Angst vor den Konsequenzen hat, die man aus den Resultaten dieser Erforschung ziehen müßte.

Diesem Problem ist aber gerade unser Buch gewidmet. Es will aufzeigen, daß jene Weltanschauung, die sich in der nationalsozialistischen Agitation und Propaganda vom dicken Wälzer Rosenbergs bis zu den Tagesreden und Zeitungsartikeln offenbart, die organisch gewachsene, notwendig entstandene Frucht der ideologischen Entwicklung der deutschen Bourgeoisie im imperialistischen Zeitalter ist. Wir haben gesehen, daß alle Strömungen der bürgerlichen Politik in Deutschland – die Sozialdemokratie immer mit inbegriffen – im breiten Strom der faschistischen Bewegung gemündet sind; daß alle bürgerlichen „Gegner» des Nationalsozialismus in der letzten entscheidenden Frage, in der Frage des Verhältnisses von Bourgeoisie und Proletariat in der Krisenzeit des kapitalistischen Systems, auf dem gleichen Boden mit ihm, auf dem Boden des Faschismus stehen, daß sie nur durch Fraktionsdifferenzen, durch taktische Meinungsverschiedenheiten vor\ ihm getrennt sind. Diesen Weg zu einer widerspruchsvollen, von unlösbaren Gegensätzen erfüllten Einheit wollen wir nun in den folgenden Darlegungen auf dem Gebiet der Weltanschauung verfolgen. Es soll gezeigt werden, wie die faschistische Weltanschauung mit der Entwicklung des Imperialismus und seiner Krise notwendig, Schritt für Schritt, von Problem zu Problem heranwächst. Die Weltanschauung des Nationalsozialismus ist die letzte, bis jetzt erreichte „höchste» Stufe dieser Entwicklung.

Es ist verständlich, wenn auch ehrliche Intellektuelle vor der Konsequenz, in der Weltanschauung des Nationalsozialismus den Endpunkt jener geistigen Entwicklung zu erblicken, die sie selbst mitgemacht haben, zurückschrecken. Aber keine Verachtung für das unerhört niedrige weltanschauliche Niveau der Nationalsozialisten, kein Abscheu vor dem Blut und Schmutz, mit denen sie diese Weltanschauung in die Praxis umsetzten und umsetzen, kann die Tatsache dieses gemeinsamen Weltanschauungshodens aufheben. Wie die imperialistische Entwicklung der deutschen Bourgeoisie die Vorgeschichte des Nationalsozialismus ist, so ist die Geschichte der Philosophie der imperialistischen Periode die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Weltanschauung. Wer auf ideologischem Gebiet gegen die faschistische Weltanschauung kämpfen will – und der Kampf gegen diese Weltanschauung ist ein wichtiger Teil, freilich nur ein Teil des allgemeinen Kampfes gegen den Faschismus muß auf diese Wurzeln zurückgehen. Sonst verfällt er, ohne es zu wissen, der Gefahr: den Nationalsozialismus von halb- oder dreiviertelfaschistischen Voraussetzungen aus zu bekämpfen. Und da muß sein Kampf in Spiegelfechterei entarten. Denn wie niedrig immer das geistige Niveau der nationalsozialistischen Macher in Weltanschauung auch sein mag, sie haben vor solchen „Opponenten» die Folgerichtigkeit voraus. Alles, was die allgemeine parasitäre Entwicklungstendenz der imperialistischen Periode philosophisch hervorgebracht hat: Eklektizismus und Apologetik, Agnostizismus und Mystik, Irrationalismus und Romantik etc. etc. – all das wurde hier mit skrupelloser Gewandtheit in ein demagogisch wirksames „System» zusammengefaßt. Und bei allem niedrigen Niveau einer ordinären und verlogenen Demagogie mußte doch der Nationalsozialismus – auch ideologisch – den Sieg über „Gegner» davontragen, die von denselben philosophischen Voraussetzungen ausgingen, ebenfalls Eklektiker und Apologetiker, Agnostizisten, Irrationalisten und Mystiker waren, nur eben wie ihre politischen Äquivalenten dabei auf halbem Wege stehengeblieben sind. Wer dem faschistischen Mythos einen anderen Mythos entgegenstellt, darf sich nicht wundern, wenn der roh auf Massenwirkung, auf Aufputschen aller niedrigen Instinkte von in Verzweiflung getriebenen Menschen zugeschnittene Mythos über seine zaghaft-verfeinerten Konkurrenten triumphiert. Wer mit – sagen wir, neukantischen oder neomachistischen – Argumenten die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Erkenntnis der objektiven, materiellen Wirklichkeit untergräbt, darf sich nicht wundern, wenn die von ihm mitverursachte Erschütterung des Vertrauens zur Wissenschaftlichkeit in eine demagogische Ausnützung der „systematisierten» Leichtgläubigkeit umschlägt. Und so fort durch alle Gebiete der Weltanschauung, durch alle Kategorien der Philosophie.

Selbstverständlich wird eine solche Kritik der Philosophie der Gegenwart von vielen als „allzu summarisch», allzu „gleichmacherisch» aufgefaßt werden. Und wir wiederholen: Wir finden es verständlich, wenn ehrliche Intellektuelle sich gegen den bloßen Gedanken einer derartigen ideologischen Verwandtschaft mit dem Nationalsozialismus verzweifelt wehren. Auf welchem weltanschaulichen Boden stehen sie aber – objektiv – bei dieser Abwehr? Viele werden mit der Antwort schnell fertig werden: Es handle sich in der Philosophie nicht um Zeitfragen, oder wenigstens nicht bloß um Zeitfragen; der Gegenstand der Philosophie sei vielmehr das „Ewige», gerade das, was jenseits der Klassen- und Parteienkämpfe der Gegenwart stehe. Wir Marxisten sind die letzten, die die Existenz von „ewigen Wahrheiten» überhaupt in Frage ziehen. Wir verlangen aber, daß in der Existenz und der Beschaffenheit des materiellen Gegenstandes selbst die Grundlage der sie widerspiegelnden „ewigen Wahrheit» nachgewiesen werde. Worauf beziehen sich aber die „ewigen Wahrheiten» der Denker unserer Epoche? Sind es nicht ausnahmslos historisch entstandene, historisch sich stets verwandelnde Gegenstände – der Staat, der Mensch, die Liebe, die Ehre etc. -, die in dieser Philosophie idealistisch zu „ewigen Wahrheiten» aufgebläht werden? Man vergesse aber nie, daß gerade dieses Zeitlosmachen des Historisch-Transitorischen das grundlegende methodologische Prinzip einer jeden Apologetik eines Gesellschaftssystems gewesen ist. Ob das Prinzip der „Ewigkeit» dabei von Gott, aus der „Vernunft», aus dem „System des Wertes» stammt, ändert dabei nicht Entscheidendes. Eine besondere Nuance erhält es bloß in unserer Zeit, wenn infolge der Berufung auf Intuition, auf Schau oder Urerlebnis selbst die Begründung des Prinzips einer jeden wissenschaftlichen Diskussion entrückt und zum Gegenstand des Glaubens gemacht wird. Und dabei muß notwendig eine derartige Sublimierung dieser Kategorien bis zu einer so vollständigen Abstraktheit erfolgen, daß in der Nacht dieser von greifbarem Inhalt entleerten Begriffe die willkürlichste Apologetik – eben die faschistische Apologetik des Monopolkapitalismus – ihre demagogischen Orgien treiben kann, daß selbst die „Gegner» des Faschismus, die mit solcher Rüstung gegen ihn ins Feld ziehen, zwangsläufig in Gedankengänge hineingeraten, die den faschistischen zur Verwechslung – zur Verzweiflung – ähnlich sind.

Ich will nur ein besonders krasses Beispiel anführen. Als im Sommer 1931 die Brüning-Regierung mit ihrer Presse-Notverordnung einen entscheidenden Schritt in der Richtung auf Faschisierung der öffentlichen Meinung tat, ist in der linksbürgerlichen Intelligenz ein Sturm der Entrüstung entstanden. Aber ein besonders „radikaler» Vertreter dieser Intelligenz, Kurt Hiller, fand, daß „der Staat» – der Staat als „ewiger Begriff» – das Recht habe und das Recht haben müsse, auch in der ihm gegnerischen Presse zu Worte zu kommen; daß also der erste berüchtigte Paragraph dieser Notverordnung, der Veröffentlichungszwang der Regierungserklärungen in der Presse ohne das Recht auf gleichzeitige Polemik, zu bejahen wäre. Ich weiß: Kurt Hiller glaubte auch damals, ein „Gegner» Brünings zu sein (ebenso wie Brüning und seine Anhänger in schroffer „Gegnerschaft» zu Hitler zu stehen meinten), es ist aber klar, daß er damit zu einem inkonsequenten Anhänger Brünings geworden ist; daß er sich zu Brüning so verhielt wie Brüning zu Hugenberg und zu Hitler. Und dies ist keineswegs eine zufällige Entgleisung Hillers, sondern die notwendige Folge eines theoretischen Standpunktes, der, ohne darüber Klarheit zu besitzen, auf dem parasitären Boden des imperialistischen Monopolkapitalismus stand, deshalb eine Reihe der wichtigsten erkenntnistheoretischen und methodologischen Voraussetzungen mit der faschistischen Ideologie teilte und deshalb in einer Reihe von Fragen zu ähnlichen Schlußfolgerungen kommen mußte. Wobei der subjektive Entschluß des Verfassers, gegen den Faschismus, gegen die Faschisierung zu kämpfen, nur dazu ausreicht, die von diesen Voraussetzungen aus notwendige Kapitulation vor der faschistischen Ideologie in ein Schwanken, in ein eklektisches Durcheinander von Anerkennung und Ablehnung, von „Einerseits» und „Andererseits» zu verwandeln.

Dieser Eklektizismus treibt in den heutigen Weltanschauungskämpfen die merkwürdigsten Blüten. Jeder Gebildete weiß, daß es heute unmöglich ist – physisch unmöglich so zu malen, wie Rembrandt gemalt hat, so zu dichten, wie Shakespeare oder Schiller gedichtet haben. Jeder Gebildete wird zugeben, daß der Ton der Sprache der – ausgezeichneten – Shakespeare-Übersetzungen von A. W. Schlegel ein Goethe- Schillerscher, der der – ebenfalls verdienstvollen – Shakespeare-Übersetzungen F. Gundolfs ein Stefan-Georgescher Ton ist. Und keinem Menschen fällt es ein, daraus Schlegel oder Gundolf einen Vorwurf zu machen, so selbstverständlich erscheint diese Unmöglichkeit, obwohl ihre wahren Ursachen von der bürgerlichen Wissenschaft niemals aufgedeckt worden sind. Wenn aber ein linksbürgerlicher Literat oder Politiker im Kampf gegen den Faschismus auf die Terminologie, auf den Tonfall, ja auf den Inhalt von 1789 oder 1848, ja sogar von 1793 zurückgreift, so erkennt niemand jenen Grad der Unmöglichkeit, der geradezu in Komik umschlägt. Denn warum ist die französische Montagne von 1848 eine traurige Karikatur der Jakobiner von 1789 bis 1793? Danton, der dem sozialen Inhalt seiner Politik nach niemals extrem-radikal – selbstredend mit dem Maßstab der Periode, an Marat, Robespierre etc. gemessen – gewesen ist, hat noch durchaus die Möglichkeit gehabt, für seine Forderungen zu revolutionären Maßnahmen zu greifen und diese aktiv durchzuführen. Sein Ruf nach „Kühnheit, Kühnheit und nochmals Kühnheit» ist im Lichte der Septembertage, des lever en masse alles, nur keine Phrase. Wenn aber schon 1849 Ledru-Rollin, mit den Worten und Gesten Dantons, gegen den drohenden Putsch Louis Bonapartes eine friedliche Demonstration arrangiert, die mit einem Schlag die Ohnmacht der bürgerlich-radikalen Opposition und [ihrer] bewaffneten Stützen (Nationalgarde usw.) offenbart, so wird hier das Kostüm der Montagne zur leeren Maskerade, zu einem tragikomischen Fastnachtsscherz. Und Ledru-Rollin ist noch immer ein Danton, wenn man ihn mit unseren heutigen Verteidigern der „Demokratie» vergleicht.

Die Septembertage waren eben jene Palette, der Danton die echten Farben seines revolutionären Pathos entnahm. Ohne diese Palette – und die ist heute nur beim revolutionären Proletariat vorhanden – wird jede Dantonsche Geste ebenso zur akademistischen Karikatur wie der Versuch der Wiederaufnahme des Pathos eines Michelangelo oder Shakespeare. Der arme Don Quijote war ja subjektiv viel ehrlicher und fanatischer vom noch bestehenden Rittertum überzeugt als die heutigen traurigen Ritter der „Demokratie». Trotzdem hat er nur Spott und Prügel geerntet. Aber heute kann nicht einmal seine Tragikomik mehr nachgeahmt werden. Denn der traurige Ritter war in seiner Weltanschauung wirklich ein fahrender Ritter, der weltanschaulich nicht nur kein (auch unbewußtes) Kompromiß mit der aufsteigenden neuen Welt des Kapitalismus abschloß, sondern von [dessen] Weltanschauung ganz unberührt blieb. Darum konnte er mit unerschütterba- rem Ernst gegen Windmühlen und Schafherden seine Lanze einlegen. Hätte er nur die geringste Gemeinschaft an Weltanschauung mit der feindlichen Umwelt gehabt, so wäre er ein prosaischer Dummkopf oder ein glatt lächerlicher Poseur und nicht der heilige Narr, als den ihn Cervantes unsterblich gestaltete, geworden. Jetzt ist auch sein tragikomischer Weg versperrt. Die heutigen traurigen Ritter der „zeitlosen Werte der Demokratie» wissen, daß die Windmühle kein Riese und – vor allem – daß Dulcinea eine dreckige Bauernmagd ist.

Hier soll nicht den inhaltlichen Darlegungen des Buches vorgegriffen werden. Man werfe aber schon jetzt einen kurzen Blick darauf, wie kampflos die „Opponenten» des Faschismus ihm das ganze Erbe der bürgerlichen Revolutionsperiode auf weltanschaulichem Gebiet überlassen haben. Man will den Nazi bestreiten, daß sie ein Recht hätten, sich auch nur als Erben der imperialistischen Periode aufzuspielen. (Die demagogische Polemik der Nazi und ihre innere Lügenhaftigkeit werden im Buche selbst behandelt.) Aber Kant und Fichte, Goethe und Schiller werden zusammen mit Fridericus Rex und Bismarck, mit Moltke und Tirpitz vom Nationalsozialismus in seine Ahnengalerie, in sein lebendiges Erbe eingereiht – und wer ist dagegen aufgetreten? Und welche Argumente könnte er gegen die Demagogie der Nationalsozialisten anführen? Wer hat aus Goethe einen „Irrationalisten» gemacht und seine – geniale, aber halbe – Dialektik und seinen zaghaften, schwankenden Materialismus aus der Welt weginterpretiert, um ihn mit Schopenhauer, Nietzsche und Bergson unter einen Hut bringen zu können? Simmel und Gundolf, die „Klassiker» der linken Intelligenz. Wer hat aus Hegel einen „Lebensphilosophen» gemacht und ihn mit der Romantik „versöhnt» und ihn so den ideologischen Bedürfnissen des Imperialismus angepaßt? Dilthey, ebenfalls ein „Klassiker» der linken Intelligenz. Wer hat aus Hegel einen Vorläufer Bismarcks gemacht? Meinecke, der „große» Historiker derselben Intelligenz. Wer hat die Schmach des deutschen Bürgertums, das preußisch-„bona- partistische» Entstehen der deutschen Einheit in eine Glorie umgedichtet und aus der politischen Rückständigkeit Deutschlands einen Mythos der deutschen Vorbildlichkeit für die ganze Welt gemacht? Die ganze linke Intelligenz Deutschlands der Vorkriegs- und Nachkriegszeit usw. usw. Man müßte alle Resultate der ganzen deutschen Geschichtsschreibung der letzten fünfzig Jahre hier aufzählen, um die wirklichen Quellen des nationalsozialistischen Geschichtsmythos aufzudecken. Und es nützt nichts, wenn der Vater den „mißratenen» Sohn jetzt verleugnet. Der reale genealogische Zusammenhang ist nicht aus der Welt zu schaffen.

Diese Fragen sind jedoch – primär – weder literatur- noch philosophiegeschichtlich. Ihre Grundlage bildet vielmehr die Stellung der deutschen Wissenschaft, auch der „linken», auch der „oppositionellen», zur Geschichte der bürgerlich-revolutionären Entwicklung in Deutschland. Diese Entwicklung selbst ist wahrhaftig nicht allzu glorreich gewesen. Aber auch was an ihr weltgeschichtlich groß gewesen ist – die Entstehung der idealistischen Dialektik ist von den Ideologen der imperialistischen Periode, von den „linken» ebenso wie von rechten, in den Kot gezerrt worden. Mit welchem Recht wundert man sich heute, daß dieser Kot zu einem Dünger für die Sumpfblüten des Faschismus geworden ist? Die Nationalsozialisten bespeien brutal jede Erinnerung an die bürgerlich-revolutionäre Periode. Nachdem man sie aber jahrzehntelang „vornehm wissenschaftlich», aber ebenfalls systematisch bespieen hatte, ist das Recht auf Kritik von dieser Seite, sind die Argumente einer solchen Kritik – höflich gesagt – recht problematisch geworden.

Die Stellungnahme zu den vergangenen Revolutionen ist von der Stellungnahme zur kommenden, zur aktuellen, zur an der Tür pochenden Revolution bestimmt. Die Weltanschauung ist dabei eine der Waffen entweder zum Aufhellen oder zum Vernebeln der Gegenwart (und mit ihr der Vergangenheit). Die Weltanschauung verhilft entweder dazu, die Welt der Gegenwart, die zentralen Fragen der Epoche zu klären, oder dazu, sie wegzuerklären. In beiden Fällen weist jedoch jede Weltanschauung einen Weg, und jeder Weg hat eine Richtung. Der Weg der Bourgeoisie und ihrer Ideologen im Zeitalter des Imperialismus nahm – anfangs allen, später vielen unbewußt – die Richtung auf den Faschismus. Man kann auf diesem Wege umkehren und in der entgegengesetzten Richtung seinen Weg suchen. Aber man bilde sich nicht ein, daß man die Richtung verändert, wenn man sich mitten am Weg niedersetzt.

Die ehrlichsten und weitblickendsten bürgerlichen Revolutionäre haben schon längst erkannt, wo die Abzweigung der Wege liegt. Von Gracchus Babeuf an, den der Thermidor in einen proletarischen Revolutionär verwandelte, geht eine lange Kette großer Gestalten über Blanqui und Anatole France, über Johann Jacoby und Franz Mehring bis zu Sun- Yat-Sen. Sie haben mit sehr verschiedener Klarheit, aber alle erkannt, daß die Probleme der bürgerlichen Gesellschaft nur im Zusammenhang mit der Befreiung des Proletariats von der kapitalistischen Ausbeutung zu lösen sind. Sun Yat-sen ist gerade auf dem Scheideweg gefallen. Aber das Schicksal seiner engsten Schüler und Anhänger zeigt deutlich, wohin der Weg führt, wenn man nicht die zentrale Frage der Periode – die Frage Lenins „Wer – wen?» – zum Drehpunkt der Lösung aller Probleme macht. In China ist Tschiang Kai-schek, ist Wang Tsching-wei zum Knecht der ausländischen Imperialisten geworden. Die bürgerliche Revolution, die nationale Befreiung Chinas mußte zugleich mit dem Verrat der proletarischen Revolution verraten werden. In Deutschland ist die Frage „Wer – wen?» womöglich noch klarer gestellt. Wer nicht den Anschluß an das revolutionäre Proletariat sucht und findet, landet im System des „totalen Staates», des „dritten Reiches», als Anhänger oder „Oppositioneller», gleichviel.

Faschismus oder Bolschewismus ist die Wahl, vor die die heute Lebenden gestellt sind. Und da sie diese Wahl in ihrer materiellen Praxis zu treffen haben, ist sie für sie auch weltanschaulich nicht zu umgehen. Und weltanschaulich bedeutet heute jeder Idealismus, jeder Irrationalismus, jeder Glaube an einen Mythos die Wahl des faschistischen Weges, und allein der dialektische Materialismus, die Weltanschauung des Proletariats weist auch weltanschaulich ins Land der Befreiung von Ausbeutung und Knechtschaft! Hart und klar hat Lenin die wesentliche Frage formuliert: „Wer – wen?» Entweder unterdrückt das Monopolkapital weiter das Proletariat, und alle Werte der Kultur müssen im blutigen Sumpf des Faschismus ruhmlos untergehen. Oder das Proletariat schüttelt das faschistisch-monopolkapitalistische Joch ab, und der Weg wird frei für eine neue Blüte der Kultur, für eine Kultur, die die beengenden Fesseln der bisherigen Klassenkulturen, die Klassenstruktur der Gesellschaft, die Trennung von Stadt und Land, von physischer und geis[tig]er Arbeit, das Bildungsmonopol, die „knechtische Unterwerfung unter die Arbeitsteilung» in langwierigem, zähem Kampfe vernichtet. Nicht wir Kommunisten, auch nicht ein Genie wie Lenin, stellt diese Wahl. Sie ist von der ganzen bisherigen Menschheitsentwicklung vorbereitet worden. In unserer Zeit hat aber die Entscheidungsstunde geschlagen.

Bedeutet diese Feststellung, daß ein jeder, der gegen den Faschismus ernsthaft kämpfen will, dialektischer Materialist sein muß? Keineswegs. Das Lager der entschlossenen, heldenhaft opferbereiten Kämpfer gegen das Hitlerregime, ein Lager, das täglich wächst und täglich seinen Heroismus in anonymen Alltagskämpfen erprobt, ist unvergleichlich breiter und weiter als das der Kommunisten oder gar der bewußten, der klaren Anhänger des dialektischen Materialismus. Da aber der Kommunismus, der dialektische Materialismus allein imstande ist, ein klares Bewußtsein über die hier vorhandenen Zusammenhänge zu geben, macht ein jeder, der den Faschismus ernsthaft bekämpft, unvermeidlicherweise Schritte in der Richtung auf den Marxismus-Leninismus; gleichviel, ob er sich dessen bewußt ist oder nicht. Denn die Frage „Wer – wen?» muß sich, wenn auch nicht in der Leninschen Formulierung, wenn auch selbstredend nicht mit dem systematischen und konkreten Reichtum an erkannten objektiven Bestimmungen des Marxismus-Leninismus, ein jeder stellen und irgendwie lösen, der den Kampf gegen den Faschismus wirklich aufnimmt. Und wiederum: Ob er sich dessen bewußt ist oder nicht, er muß dabei auch die Weltanschauungsfrage aufwerfen. Einerlei, ob ein Arbeiter im Betriebe gegen die weitere Senkung des Lebensniveaus, gegen den gelbbraunen Betriebsterror usw. oder ob ein Intellektueller, etwa in der Emigration, gegen die faschistische Zerstörung der Kultur ideologisch kämpfen will, er wird gleich bei den ersten Schritten – wir wiederholen: nicht notwendig in bewußter Form – auf diese Probleme gestoßen werden. Er wird, gleichviel mit welchem Grad der Bewußtheit, sich die Frage „Wer – wen?» stellen müssen, er wird sich jedoch dabei von den verschiedenen Hemmungen ideologischer Art in der richtigen praktischen Stellungnahme gehindert fühlen.

Diese Hemmungen schillern in den verschiedensten Farben und gehen verschiedenartig ineinander über. Der sozialdemokratische oder gewerkschaftlich erzogene Arbeiter wird den Legalismus, die damit eng verknüpfte Neigung zum passiven Abwarten der Ereignisse, das engstirnige Starren auf die bloß unmittelbaren Folgen der Handlung, den sklavenhaften Respekt vor den „vorgesetzten Behörden», die Illusionen über Staat und Demokratie, die Illusion, daß der reformistische Weg weniger schmerzvoll und gefährlich ist als der revolutionäre etc., ablegen. Der Intellektuelle wird immer wieder durch die Gemeinsamkeit seiner eigenen ideologischen Grundlagen und Voraussetzungen mit denen des Faschismus gehemmt. Je weniger er sich dieser Gemeinsamkeit bewußt ist oder bewußt zu werden beginnt, desto mehr befindet er sich in einem unentwirrbaren Gedankenlabyrinth. Aber die schönen und entschlossenen Beispiele, auf die wir angespielt haben, zeigen, daß, sobald die grundlegende Frage, die Frage „Wer – wen?» auch nur aufdämmert, der Weg zum richtigen Kampf gegen [den] Faschismus betreten ist. Und ist er ehrlich und entschlossen betreten, so werden sowohl dem Arbeiter wie dem Kleinbürger, dem Intellektuellen etc. die Erfahrungen der eigenen Praxis weiterhelfen. Nicht spontan. Nicht „von selbst». Nicht ohne Hilfe des Marxismus-Leninismus, nicht ohne Auseinandersetzung mit ihm, nicht ohne ihn bis zu einem gewissen Grad anzueignen. Aber in der ungleichmäßigen Wechselwirkung von Theorie und Praxis wird die Theorie, wenn sie sich nicht auf die Verallgemeinerung der eigenen Erfahrungen stützen kann, notwendig zu einem toten Buchstaben, und das Entscheidende bleibt: der wirkliche, aktive, praktische Kampf gegen den Faschismus. Nur, daß eben die praktische Durchschlagskraft des Kampfes unlösbar mit der Höhe der theoretischen Klarheit verbunden ist.

Es kommt also für die antifaschistische Front – auch auf dem Gebiet der Weltanschauungsfragen – auf die Richtung an, die die antifaschistischen Kämpfer einschlagen. Wer sich ehrlich, wenn auch langsam und qualvoll, von seinen bürgerlichen Denkgewohnheiten loszulösen beginnt, steht nicht nur der antifaschistischen Kampffront, sondern auch dem Marxismus-Leninismus de facto näher als der „gebildete Marxist», der brandleristisch oder trotzkistisch sich vom wahren MarxismusLeninismus entfernt hat und seine sozialfaschistische Strategie mit Marx- und Leninzitaten „belegt». Die antifaschistische Front ist auch heute – trotz Illegalität – sehr breit und wird mit dem Wachsen, mit der Verschärfung der wirklichen Kämpfe immer breiter. Und jeder, der wirklich entschlossen ist, gegen den Faschismus zu kämpfen, gehört in diese Front. Der ernste Entschluß, wie immer begründet, wie immer theoretisch unterbaut, dieser Front, der einzigen Kampffront gegen den Faschismus beizutreten, gibt bereits die hier entscheidende Richtung – auch auf dem Gebiet der Weltanschauung – an.

Breite der Kampffront und theoretische Klarheit der Vorhut dieser Kampffront, ihre unnachsichtige Strenge in Fragen der Theorie bilden aber keineswegs einen Gegensatz. Sie sind vielmehr in unlösbarer Wechselwirkung miteinander verbunden; die eine ist ohne die andere überhaupt nicht zu verwirklichen. Die Theorie zeigt eine sektiererische Enge, einen idealistischen Ultraradikalismus, eine mangelnde Verbindung mit der Praxis, wenn sie nicht zum Führer und Organisator einer breiten Kampffront wird. Und die noch so breite Massigkeit, die noch so große Kühnheit und Entschlossenheit der Kämpfer wird fruchtlos, wenn ihnen keine richtige, marxistisch-leninistische Theorie die Perspektive des Kampfes und die konkreten Aufgaben, die ihre Verwirklichung herbeiführen, ununterbrochen aufzeigt.

Darum ist es für jeden Kommunisten eine unabweisliche praktische Forderung des erfolgreichen Kampfes gegen den Faschismus, sein eigenes theoretisches Rüstzeug zu überprüfen, für die Reinheit und Schlagkraft dieses Rüstzeugs die peinlichste Sorge zu tragen. Ich bin nun der Ansicht, daß diese Arbeit ein jeder bei sich selbst zu beginnen hat. Ich habe dabei dem Leser folgendes zu sagen: Vor ungefähr zehn Jahren ist mein Buch „Geschichte und Klassenbewußtsein» erschienen und [hat] inzwischen eine bestimmte Bekanntheit erlangt. Diesen „Ruhm» verdankte es sehr weitgehend seinen Fehlern, seinen Abweichungen vom dialektischen Materialismus. Wenn man die mit Kritik überzuckerten Komplimente liest, mit denen insbesondere die „linken» Neuhegelianer dieses Buch überschütten, so muß unwillkürlich an den Ausspruch des alten Bebel gedacht werden: Man muß einen Fehler begangen haben, wenn man vom Klassenfeind gelobt wird. Freilich war dieses Lob nicht notwendig, um mich zur Erkenntnis der Fehler meines Buches zu bringen. Seit ungefähr fünf Jahren ist „Geschichte und Klassenbewußtsein» vergriffen; eine Neuauflage habe ich aus diesem Grunde, aus der Einsicht in das wesentlich Unrichtige des Buches nicht gestattet. Wenn ich aber heute mit einem neuen Buch philosophischen Inhalts vor den Leser trete, so halte ich mich verpflichtet, auch die Gründe, warum ich mich schon längst nicht mehr mit „Geschichte und Klassenbewußtsein» solidarisiere, wenigstens kurz aufzuzählen. Dies um so mehr, als es nicht wenige gibt, die dieses Buch noch immer für ein marxistisches Kampfmittel gegen falsche Ideologien halten. Der Kernpunkt der Frage ist die Frage des Materialismus, die Frage, deren weltanschauliche wie praktische Bedeutung von jenen, die aus der bürgerlichen Intelligenz zum Marxismus kommen, am schwersten begriffen wird. So auch damals von mir. Wenn ich damals in falscher Polemik gegen Friedrich Engels die Möglichkeit einer dialektischen Erkenntnis der Natur bestritt und die dialektische Methode auf Erkenntnis der Gesellschaft beschränkte; wenn ich die Abbildtheorie mit dem „Argument» bekämpfte, daß Prozesse nicht abgebildet werden können, so liegt diesen und ähnlichen Anschauungen das Nicht-Loskommen vom bürgerlichen Idealismus zugrunde. Wenn dies in dem subjektiven Glauben, ganz besonders radikal, radikaler als die wirklichen, materialistischen Kommunisten zu sein, geschah – die Fehler von „Geschichte und Klassenbewußtsein» stehen im engsten Zusammenhang mit jenen ultralinken Tendenzen von 1920[/21] in der III. Internationale, an denen ich sehr aktiv beteiligt gewesen bin so ändert dies nichts an der objektiven Tatsache, daß gerade in entscheidenden Fragen die schwerwiegendsten Konzessionen an die bürgerlich-idealistische Weltanschauung gemacht wurden. Die ultraradikale Illusion bei Abbiegen der wesentlichen Gehalte ins Bürgerlich-Idealistische ist aber sehr geeignet, die aktuell-politische Bedeutung solcher Fehler zu unterstreichen. Denn – ich wiederhole gegen mein altes Buch hier schon Gesagtes und noch zu Sagendes – wie kann man gegen den modernen Agnostizismus, gegen die subjektivistische Auflösung der wissenschaftlichen Erkenntnis der objektiven, der materiellen Wirklichkeit erfolgreich kämpfen, wenn man selbst nur einen Schritt oder nur einige Schritte in dieser Richtung getan hat? Wie kann man den Irrationalismus aussichtsreich bekriegen, wenn man – infolge der Luxemburgschen Überreste meines Buches – noch die größten Konzessionen an die Spontanitätstheorie macht? Wie kann man die Frage „Wer – wen?» dialektisch richtig aufwerfen und in den konkreten Fällen richtig lösen, wenn die Beziehung von Klasse und Klassenbewußtsein mit idealistischen Entstellungen gedacht wird? usw. usw. Man glaubt ehrlich zu kämpfen, liefert aber gleichzeitig – ungewollt – dem Gegner geistige Waffen.

Ich habe nur einige der wichtigsten Gesichtspunkte hervorgehoben, die mich schon lange zum Verwerfen meines alten Buches veranlaßt haben. Teils, um auch meinerseits dazu beizutragen, daß in Zukunft niemand meine, mit Hilfe dieses Buches dem Marxismus näherkommen zu können. Teils – und dies gerade hier um jenen ehrlichen Intellektuellen, die unter der Wirkung der deutschen Ereignisse den Weg zum Marxismus suchen, an einem konkreten Beispiel sowohl die Schwierigkeiten dieses Weges wie die Art der Überwindung dieser Schwierigkeiten anzudeuten. Zu zeigen, daß man sich mit einem bestimmten Grad der Aneignung des Marxismus nicht zufriedengeben darf, sondern die Aneignung – selbstkritisch – zur ständigen Revision der bürgerlichen Überreste im eigenen Denken verwenden muß. Zu zeigen, daß kein eingebildeter Ultraradikalismus einen vor bürgerlich-idealistischen Gedankengängen bewahren kann. Im Gegenteil, daß das Zusammenstoßen des subjektivistischen Ultraradikalismus mit den durch Jahrzehnte gesammelten kollektiven und kollektiv verallgemeinerten Erfahrungen der III. Internationale erst recht zu Rückfällen ins bürgerliche Denken führt. Zu zeigen, daß nur das Verwachsen mit der Praxis des revolutionären Proletariats den richtigen Weg zum Marxismus-Leninismus weist.

Freilich: dieses Buch ist keineswegs nur für Marxisten und für jene, die sich auf dem Weg zum Marxismus befinden, geschrieben. Ich hoffe aber, daß (auch) diese – subjektiven – Betrachtungen auch für die anderen Leser nicht ohne Interesse sein werden. Und hier, wo an der einzigen Stelle dieses Buches der Verfasser subjektiv wird, sei es ihm gestattet, darin noch kurz fortzufahren. Dieses Buch ist bald nach der Machtergreifung Hitlers nach meiner notgedrungenen Emigration in wenigen Wochen niedergeschrieben worden. Ich kann aber zugleich – ohne große Übertreibung – sagen: Dieses Buch entsteht seit über fünfundzwanzig Jahren. Als Schüler Simmeis und Diltheys, als Freund Max Webers und Emil Lasks, als begeisterter Leser Stefan Georges und Rilkes habe ich die ganze hier geschilderte Entwicklung selbst miterlebt. Allerdings – vor [bzw.] nach 1918 – auf verschiedenen Seiten der Barrikade. Den Lesern also, die vor den Konsequenzen dieses Buches, vor der Anerkennung der Einheitlichkeit der Entwicklung des bürgerlichen Denkens der imperialistischen Periode bis zum Faschismus zurückschrecken, muß ich hier betonen, daß die Feststellung des Zusammenhanges keine rasche Konstruktion aus polemischen Rücksichten gewesen ist, sondern die Zusammenfassung und Verallgemeinerung eines miterlebten Lebensalters. Manchen Freund meiner Jugend, ehrliche und überzeugte romantische Antikapitalisten, habe ich vom Sturm des Faschismus verschlungen sehen müssen. Große Hoffnungen der Philosophie und der Poesie habe ich unfruchtbar zwischen den Lagern enden sehen, weil sie sich nur in den Schlußfolgerungen, nicht aber in den Voraussetzungen ihres Denkens vom Parasitismus der Periode lossagen konnten, weil sie nur äußerlich und nicht bis zu den Wurzeln ihres Seins und Denkens mit der imperialistischen Bourgeoisie gebrochen haben. Und da mir selbst diese Rettung aus den Schlingen des ideologischen Parasitismus gelungen ist, glaube ich das Recht zu haben, meinesgleichen an gesellschaftlicher Abstammung zuzurufen: Rottet die Ideologie der monopolkapitalistischen Periode restlos, mit Stumpf und Stiel in euch aus, wenn ihr den Faschismus bekämpfen und nicht von ihm verschlungen werden wollt.

Georg Lukács

Moskau, August 1933

*

1. Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation

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